Prof. Frithjof Meinel und Enrico Wilde im Materialarchiv der Burg

HAUSBESUCH

 

Ein lichtdurchfluteter Raum in einem Gebäude aus Holz und Glas. Regale an den Wänden zeigen, wie sich immergleiche geometrische Grundkörper in verschiedensten Werkstoffen unterschiedlich darstellen. Die Materialsammlung der BURG ist der geeignete Ort, sich Smart Materials von der sinnlichen Seite her zu nähern. Symbolisch steht er dafür, dass, wer hier Industriedesign studiert, richtig anfangen muss: beim Werkstoff nämlich. Den CAD-Computer sollen die Leute erst einschalten, wenn sie wissen, wie man Keramik formt, Stahl dreht oder den 3D-Drucker richtig bedient. Ein ganzes Haus voller Werkstätten stehe dazu bereit.

 

Die das sagen, wissen, wovon sie sprechen: Frithjof Meinel, Professor für Industriedesign, und sein künstlerischer Mitarbeiter, Enrico Wilde. Meinel ist seit kurzem emeritiert, aber für den Ruhestand hat er sich die vielleicht aufregendste Aufgabe seines Lebens gesucht: die Mitarbeit an smart³.

 

"Irgendwann wird es ein Formoptimum für Smart-Material-Produkte geben."

 

Industriedesign – für Meinel und Wilde bedeutet das nicht, ästhetische Hüllen für technische Konstrukte zu schaffen. Es heißt, an Problemlösungen des menschlichen Lebens zu arbeiten. Auf der einen Seite stehen grenzenlose Bedürfnisse, auf der anderen die begrenzten Ressourcen. Wer früh ansetzt, kommt auf andere Ideen, verfällt nicht dem Wahn der Machbarkeit und bleibt aufgeschlossen für einfache, originelle Lösungen. Gute Voraussetzungen, sich Smart Materials zu nähern. Als das Fraunhofer IWU 2012 auf ihn zukam, hat Meinel keine Sekunde gezögert.

Ein Burg-Student experimentiert an neuen Produktideen
Probieren geht über Studieren: Wie lassen sich Smart Materials in Produktideen einbinden?

Die Werkstätten dienen auch dem Erkunden neuer Materialverbünde. Einer der Studierenden probiert gerade aus, wie man einen FGL-Draht richtig mit Kunststoffschaum umhüllt, denn er hat eine Idee… Etwa zehn Prozent der BURG-Studierenden beschäftigen sich mit Smart Materials. Meinel und Wilde rufen Ideenwettbewerbe aus. Sie geben ein Basisbriefing zu den Werkstoffen. Der Rest ist Eigeninitiative. Am Ende stehen Demonstratoren, und die werden auch von den anderen Mitgliedern des smart³-Konsortiums bewertet. So entstand etwa »leaf«, eine Art Signalgeber für die Bedürfnisse von Zimmerpflanzen, beruhend auf FGL-Draht.

 

Besonders am Herzen liegt Meinel das Projekt SmartFrame+, in dem es um einen intelligenten Fahrradrahmen geht. Eingebaute Piezosensoren und -aktoren warnen den Fahrer vor gefährlichen Fahrsituationen.

 

Was die Herausforderung der Smart Materials im Industriedesign ist? Meinel und Wilde sind sich einig: Das Prinzip, dass die Form der Funktion folgen müsse, löst sich hier auf. Es gilt ein neues zu finden, etwas wie: Die Funktion folgt dem Material, und es im Produktdesign sichtbar zu machen. Möglicherweise kommt bald ein Formoptimum für FGL- oder Piezobauteile dabei heraus, so wie der »Ulmer Hocker« eines für Holz ist. Es würde einen emotionalen Zugang zur neuen Produktwelt ermöglichen.

Demonstrator LEAF neben Pflanze
Der Demonstrator "leaf" - Beispiel für assoziative und praxisnahe Annäherung an das Thema Smart Materials