Funktionsintegration in Fahrradkomponenten

ESSAY von Frithjof Meinel

 

Wie werden Artefakte vom Menschen sinnlich wahrgenommen, und wie sollten sie demgemäß gestaltet sein? Der römische Architekturtheorethiker Vitruv stellte diese gestalterische Grundfrage zuerst. Er nannte drei Merkmale, denen zu genügen sei: utilitas für Zweckbestimmung, firmitas für Konstruktion und Dauerhaftigkeit sowie venustas für Schönheit und zeichenhafte Bedeutung. Im Prinzip galt dieser Dreiklang zwei Jahrtausende lang – bis um 1920.

 

Dann beantwortete das Bauhaus die Frage radikal neu – im Sinne der Wesensforschung. Der Funktionalismus definierte nach 1970 Gebrauchsfunktionen, denen die Produktgestaltung zu folgen habe. Die Postmoderne fragte nach der emotionalen Wirkung von Gegenständen und ging damit über die Visualisierung reiner Gebrauchsfunktionen hinaus. Mit der Bionik orientierte man sich dann an den Vorbildern aus der natürlichen Umwelt. Bei alledem aber ging es immer um das Sichtbarmachen des prinzipiell Sichtbaren.

Längst trat jedoch ein neues Phänomen zutage, erzeugt durch den wachsenden Einfluss der Mikroelektronik auf die Produktgestalt: das Phänomen der abnehmenden Selbsterklärungsfähigkeit. Immer seltener waren Produkte, die mit dem Gütesiegel »Gute Form« etikettiert werden konnten, wirklich gut. Stattdessen wurden sie zunehmend schwer »lesbar« und trotz unterschiedlicher Funktionalität einander auch immer ähnlicher. Es war ein Problem der Sichtbarmachung von Funktionsintegration. Neue Gestaltungscodes wurden nötig.

 

Im aktuellen Diskurs zur Nachhaltigkeit stellt sich die Frage nach Zusatzbotschaften, mit denen Objekte aufgeladenen werden können. Es geht um Signale, die Menschen Orientierung zum umweltbewussten und sozialverträglichen Gebrauch von Erzeugnissen bieten. Das ist das Produkt-Deutungsproblem der Gegenwart.

 

Künftig werden wir es mit Smart Materials zu tun bekommen. In Produkten lösen sie Funktionen aus, die man nicht erwartet – weder was den Ort, noch was den Zeitpunkt der Auslösung angeht. Damit bringen sie eine ganz eigene Problematik des Erkennens und Deutens in die Produktwelt ein. Aber die Vorgeschichte ist wichtig, zeigt sie doch, dass das Problem an sich nicht neu ist. Auch diesmal geht es darum, Funktionsintegration sichtbar zu machen – auf neue Weise.

 

Aber zuvor gilt es, Öffentlichkeit und Akzeptanz für Smart Materials zu schaffen. Damit neue Technologien akzeptiert werden, müssen sie an die Erfahrungswelt der Menschen anknüpfen. Übersetzt in die Sprache von Architektur, Design und Medienkommunikation bedeutet das, Menschen mental dort abzuholen, wo sie momentan ihre individuellen Lebensformen, ihren Alltag praktizieren und wo sich ihre Träume sublimieren. Zu beachten sind dabei die Einflüsse der Warenwelt, der Massenmedien und nicht zuletzt des Internet einschließlich der sozialen Netzwerke. Sie prägen die Erwartungen und Sehnsüchte entscheidend.

 

"Wir sollten intuitive Vorschläge zu sinnvollen Produkten unterbreiten."

 

Welche Aufgabe haben hierbei die drei genannten Gestaltungsdisziplinen? Eine Pionieraufgabe: Frühzeitig imaginieren sie Welten, in denen überraschende oder provozierende Szenarien zum Neuen durchgespielt werden – ganz gleich, ob es sich dabei um wünschenswerte oder möglichst auszuschließende Zukunftsvisionen handelt. Die Künste sind die Seismografen für das Neue.

 

Ihr erster Beitrag in der Frühphase der Smart Materials besteht darin, aus der Intuition heraus Vorschläge zu unterbreiten, was man mit ihnen anfangen kann. Weil sie von Gestaltern und Künstlern kommen, werden die Vorschläge spontan von den genannten Erwartungen und Sehnsüchten ausgehen – und nicht etwa vom technisch Machbaren. Das könnte zweierlei bewirken: Erstens könnten so Objekte entstehen, die von der Öffentlichkeit tatsächlich wahrgenommen werden, weil man sie begreift und prinzipiell für sinnvoll hält. Das könnte der Ausgangspunkt für einen Schneeballeffekt werden, wie er zur Durchsetzung neuer Technologien stets nötig ist. Zweitens könnten die Objekte Inspiration für ingenieurtechnische Entwicklungen sein – quasi die Menüliste für Produktideen.

 

Zwei solcher »Ideenschmieden« sind in diesem Sinne am Projekts smart³ beteiligt: die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und die Weißensee Kunsthochschule Berlin. Ihre in studentischer Projektarbeit entstehenden Vorschläge nähern sich den Smart Materials intuitiv, und sie üben sich dabei auch schon in der Sichtbarmachung der neuen Funktionsintegration. Sie tun dies vor allem in Gestalt assoziativer Demonstratoren für künftige Anwendungen.

 

"Bei Smart Materials gilt es, Funktionsintegration sichtbar zu machen."

 

Viele von ihnen erkunden, was man aus thermischen Formgedächtnislegierungen entwickeln kann. Ein Demonstrator zeigt beispielsweise, wie eine Deckenlampe mittels ihrer Aufhängung aus FGL-Draht eine adaptive Funktion erhält. Andere Demonstratoren stehen für neuartige textile Verschattungen von Fenstern oder ganzen Glasfassaden, die nur von der Strahlungswärme der Sonne aktiviert werden.

 

Die Wirkungsweise neuartiger Piezofasern zeigt der Demonstrator einer batterielosen Taschenlampe, die einfach durch periodischen manuellen Druck, ohne Aufziehen oder Schütteln, funktioniert.

 

Begreifbarkeit ist eine Voraussetzung zur Akzeptanz von Smart Materials, öffentliche Zugänglichkeit eine andere. Es gibt Orte, an denen man sie heute schon erleben kann. Der »Makerspace « an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden ist einer von ihnen. Das Sitterwerk in St. Gallen und die Technischen Sammlungen Dresden sind zwei andere.

 

Ob die Integration von Smart Materials in Halbzeuge oder in eine neue Generation adaptiver Produkte gelingt, ist aber auch davon abhängig, wie intensiv verschiedenste Disziplinen kooperieren. Es bedarf der Entstehung stabiler Wertschöpfungsketten zwischen Werkstoffwissenschaften, Produktplanung, Industriedesign, Psychologie, kognitiver Ergonomie und Betriebswirtschaftslehre – unter anderem. Vitruv würde staunen, welch komplexes Gebilde aus seinem Dreiklang werden muss, damit im 21. Jahrhundert nachhaltige Produkte entstehen können.

Demonstrator UP&DOWN
Jalousie aus Schafwolle und FGL-Draht. Demonstrator, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Literatur | Burckhardt, Lucius: Design ist unsichtbar. Cantz Verlag, Ostfildern 1995 | Feijs, Loe u. Meinel, Frithjof: A Case Study in Formal Product Semantics. Journal of Design Research. TU Delft 2007 | Bürdeck, Bernhard E.: Design. Geschichte, Theorie und Praxis der Produktgestaltung. Birkhäuser Verlag, Basel 2015 | Schneider, Beat: Design – eine Einführung. Entwurf im sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontext. Birkhäuser Verlag, Basel, Boston, Berlin 2013 | Millikan, Ruth G.: Biosemantik. Sprachphilosophische Aufsätze. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012