Beate Eismann aktiviert den FÖNIKUS per Heißluftfön

ESSAY von Beate Eismann

 

Gerne gebe ich zu, dass ich vor einem Jahr noch nicht wusste, was Smart Materials sind und wie thermische Formgedächtnislegierungen (FGL) funktionieren. Als ich zum ersten Mal Drahtstücke aus dem schwärzlichen, teils stumpfen Metall in der Hand hielt, fand ich sie nicht sonderlich attraktiv. Aber ich bin Schmuckgestalterin und als solche darin geübt, physikalische Eigenschaften von Materialien zu nutzen und sie zu ästhetischer Wirkung zu bringen. Außerdem haben mich Fragen des Werkstoffs, der industriellen Fertigung und auch der sozialen Bezüge, die mit meiner Arbeit verbunden sind, immer interessiert. 

 

Der Auftrag, der mit der Vergabe eines dreimonatigen Künstlerstipendiums durch smart³ verbunden war, lautete: aus der Künstlerperspektive heraus einen sogenannten Demonstrator zu entwickeln, der die besonderen Eigenschaften von Smart Materials an ein interessiertes, aber nicht materialtechnisch bewandertes Publikum vermittelt. Erwartet wurde ein innovatives und anschauliches Objekt, das die wesentlichen Eigenschaften dieser Funktionswerkstoffe erfahrbar macht, beispielsweise die Formveränderung in Abhängigkeit von physikalischen Feldgrößen, das Veranschaulichen von Verformungsverläufen, von visuellen, haptischen oder thermischen Effekten. 

 

Unter drei beim Stipendienantritt visualisierten Grundideen entschied sich das Team von smart³ für die Umsetzung eines gestalterischen Ansatzes, der vorsah, eine Tierform mithilfe von Drahtstrukturen und -texturen aus FGL zu erzeugen. Das Fraunhofer IWU in Dresden lieferte nicht nur den Werkstoff, sondern auch das Fachwissen: wie er funktioniert und wie man mit ihm umgehen soll, damit er funktioniert. 

 

"Seine poetische Ausstrahlung geht über die Wirkung eines Demonstrators hinaus."

 

Schnell zeigte sich, dass man mit dem FGL-Draht nicht umgehen kann wie mit herkömmlichem Metalldraht. Er setzt der Ver- und Bearbeitung werkstoffspezifische Grenzen. Löten ist beispielsweise eines der wichtigsten Fügeverfahren bei der Schmuckherstellung. FGL-Draht aber kann man nicht löten, weil er dadurch thermisch deprogrammiert würde. Deshalb muss man zu kalten Fügeverfahren greifen, die oft aufwändiger sind oder die Haltbarkeit beeinträchtigen. Überhaupt war es eine unerwartete Erfahrung, dass Hochtechnologie-Werkstoffe, zumindest in diesem Entwicklungsstadium, nur mit manuellem Mehraufwand verarbeitet werden konnten. 

Bewegungsablauf des Fönikus

Von der Vorstellung, ein Objekt nur aus FGL-Draht zu entwickeln, nahm ich daher bald Abstand und entschloss mich stattdessen zur Bereicherung der Werkzeug- und Materialpalette. Per 3D-Konstruktion entwarf ich einen Tierkörper, der mit einem 3D-Plotter in Kunststoff gedruckt wurde. Er wies Perforationen auf, die als Andock-Möglichkeiten für Konstruktionen aus FGL-Draht dienten. Mit dieser Anwendung des Baukastenprinzips konnte trotz einfacher Geometrie eine komplexe und reich strukturierte Komposition entstehen. Eine Assoziation zu Meerestieren herzustellen, lag dabei nahe. Die Strukturen erinnerten an Maritimes: an Tentakel, Schuppen oder Gräten. Das Ergebnis kam übrigens auch dem ingenieurtechnischen Vorgehen beim Einsatz von Smart Materials näher, die ja häufig nur als einzelne Funktionsbauteile in Konstruktionen auftreten.

 

"Die Botschaft lautet: Smart Materials können das Leben bereichern"

 

Die anderen Materialien tragen aber nicht nur zur Gestalt und Haptik des Objekts bei; sie bringen auch ihre physikalischen Eigenschaften mit ein, vor allem ihr Gewicht. Dies stellt einen weiteren Bezug zur Realität der praktischen Nutzung von Smart Materials, namentlich von FGL, her. Die Schwerkraft drückt die Tentakel und mit ihnen die FGL-Drähte nieder. Wird nun, etwa durch Luftstrom oder Wärmestrahlung, so viel Wärme zugeführt, dass die Drähte ihre Aktivierungstemperatur erreichen, nehmen sie, unter Überwindung der Gegenkräfte, ihre vorprogrammierte gestreckte Form an. Dies erzeugt den Eindruck einer durch das Tier gesteuerten Bewegung der Gliedmaßen. Mit dem Unterschreiten der Aktivierungstemperatur durch Drosselung der Wärmezufuhr gehen die FGL-Drähte wieder in die Ausgangslage zurück.

 

Das Reizvolle daran: Die Bewegungsabläufe sind durch den Positionswechsel der Wärmequelle zwar beeinflussbar, bei der Vielzahl der sich bewegenden Elemente allerdings schwer vorherzusagen. Es führt zu einem spielerischen Effekt und zu einer fast poetischen Ausstrahlung, die über die sachliche Eindimensionalität eines materialtechnischen Demonstrators hinausgehen. Natürlich ist man versucht selbst auszuprobieren, was geschieht, wenn die Wärme von oben oder von der Seite kommt. Am einfachsten geht es mit einem Fön, und dies führte auch zur Namensgebung für das zunächst anonyme »FGL-Getier«: FÖNIKUS.

 

Genau dieses Spielerische und Poetische war beabsichtigt. FÖNIKUS will keine neue Funktionalität auf Basis einer vom Prinzip her bekannten Technik demonstrieren. Vielmehr will das Objekt Grundverständnis in einen Fall schaffen, bei dem Technik und Funktionalität neu sind. Die erste Konfrontation des Betrachters mit Smart Materials mag zeigen: Auf Basis einer verblüffend einfachen Konstruktion kann man mit ihrer Hilfe komplizierte Funktionen ausführen.

 

Das Kunstobjekt, das auf Messen und in Ausstellungen gezeigt wird, kann das Begreifen sogar noch verbessern, indem es den Betrachter zum Interagieren einlädt. Daneben besitzt es hoffentlich das Potenzial eines Sympathieträgers. Seine Botschaft: Mit Smart Materials kann man Dinge schaffen, die das Leben auch sinnlich bereichern.