Portrait Veronika Aumann und Linda Weisheit

INTERVIEW

 

Das Projekt »Smart Tools for Smart Design« im Rahmen von smart³ brachte Aumann und Weisheit zusammen – als Projektverantwortliche. Ziel war es, Produktgestaltern die Funktionsprinzipien und Anwendungsmöglichkeiten von thermischen Formgedächtnislegierungen (FGL), dielektrischen Elastomeren (DEA) und Piezokeramiken zu vermitteln. Entstanden sind Tools, die Gestalter in die Lage versetzen, sich eigenständig an die neuen Funktionswerkstoffe heranzutasten.

 

merlin sprach mit Veronika Aumann und Linda Weisheit über eigene Lernprozesse in dem 18-monatigen Forschungsprojekt – und über dessen Ergebnisse.

 

merlin: Frau Aumann und Frau Weisheit, was hat Sie motiviert, an diesem Forschungsvorhaben mitzuwirken?

 

Linda Weisheit: Nach wie vor haben es so genannte smarte Produkte, die beispielsweise die Vorteile von Formgedächtnislegierungen nutzen, sehr schwer mit dem Markteintritt. Mit dem Projekt wollten wir die Chance ergreifen, neue Denkansätze aufzugreifen, um die Dinge möglichst voranzubringen. Wir Ingenieure haben uns dabei bewusst vom Klischee-Bild jenes Gestalters gelöst, der am Ende der Entwicklungsarbeit den Demonstrator nur noch »hübsch machen« soll.

 

Veronika Aumann: Bei der ersten Berührung mit Smart Materials öffnen sich für Gestalter naturgemäß Räume für neue große Ideen: beispielsweise für ein Automobil mit einer Karosserie aus Formgedächtnislegierung, welche nach einem Unfall einfach nur erhitzt werden muss, um die ursprüngliche korrekte Form wieder herzustellen. Das funktioniert natürlich nicht. Eben solche Diskrepanzen zwischen Wunschdenken und Realität wollten wir angehen und sowohl Möglichkeiten als auch Restriktionen der Smart Materials an die Gestalter vermitteln.

 

Linda Weisheit: Wir müssen Gestaltern Tools an die Hand geben, um die Werkstoffe zu verstehen. Nur so können realistische Anwendungsmöglichkeiten abgeleitet werden.

merlin: Beschreiben Sie kurz die Andersartigkeit dieses Projektes gegenüber Ihren üblichen Vorhaben.

 

Veronika Aumann: Wir sind Gestalter und keine Pädagogen. Aber hier gab es gar keine konkrete Gestaltungsaufgabe, kein künstlerisches Objekt. Stattdessen mussten wir abstrakte Tools entwickeln, was eben doch eine Menge mit Pädagogik zu tun hat. Das war schon eine Herausforderung.

 

Linda Weisheit: Anfangs haben wir uns häufiger getroffen und öfter miteinander telefoniert, als es für mich üblich ist. In der Projektarbeit haben wir nämlich schnell gemerkt, dass wir unsere interne Kommunikation erst noch aufbauen müssen. In meinem normalen Projektalltag kommuniziere ich stärker über E-Mail. In diesem Projekt war das aber wenig zielführend. Man hätte einfach zu viel schreiben müssen.

 

merlin: Geben Sie uns einen Einblick in die unterschiedlichen Arbeitskulturen.

 

Linda Weisheit: Gestalter haben ein völlig anderes Verständnis der Dinge als Ingenieure. Wir Ingenieure denken an die mechanischen, physikalischen oder auch chemischen Eigenschaften des Werkstoffes, während Gestalter sich vor allem für die Haptik interessieren. Wie fühlt sich der Werkstoff an – ist er weich, warm oder kalt? Im ersten Moment ist das irritierend.

 

Veronika Aumann: Werkstoffexperten beschreiben sehr detailliert, was ein Werkstoff alles kann und was nicht. Diese Ausführlichkeit aber wirkt auf Nicht-Werkstoffexperten eher ermüdend. Wir dagegen wollen einfach wissen, was der neue Funktionswerkstoff konkret kann, beispielsweise eine kurze, sehr schnelle Bewegung ausführen. Aber so wie zu viele Informationen eher kontraproduktiv auf Gestalter wirken, wird eine zu starke Abstrahierung in der Charakterisierung bei Werkstoffexperten verständlicherweise Bauchschmerzen auslösen.

 

Linda Weisheit: Neben der Begrifflichkeit der Werkstoffe mussten wir auch allgemeine Begrifflichkeiten diskutieren, da hier, zumindest partiell, ebenfalls ein unterschiedliches Verständnis zutage trat. Ein Beispiel ist die Interpretation des Begriffs »Konzept«: Während für Gestalter schon eine Idee ein Konzept darstellen kann, verstehen wir Ingenieure darunter eher eine vorläufige Funktionsskizze mit Abmessungen und definierter Zielstellung. Hier gab es einfach terminologische Unterschiede, die wir zunächst klären mussten, bevor wir uns der eigentlichen Aufgaben widmen konnten.

Interview merlin, Veronika Aumann, Linda Weisheit

"Gestalter haben ein völlig anderes Verständnis der Dinge als Ingenieure."

merlin: Was sind die Ergebnisse des Projektes?

 

Veronika Aumann: Neben der Datenbank, die wir vor allem intern für studentische Projekte nutzen, haben wir Materialkarten zu FGL, DEA und Piezokeramiken konzipiert. Sie sind verständlich geschrieben. Sie sagen, was die Werkstoffe können und was nicht – einschließlich unterstützender Zeichnungen. Darüber hinaus haben wir Anwendungsbeispiele recherchiert und eine umfangreiche Sammlung vorgelegt, die sowohl Ideen und Konzepte vorstellt als auch konkrete Produkte, die es schon zu kaufen gibt. Kurze Filmclips zu den Materialien erklären spielerisch deren Funktionsprinzipien und Anwendungsmöglichkeiten. Zusammen mit den entwickelten Demonstratoren und Anleitungen zum Selberbauen ergibt das eine ganz ordentliche Werkzeugsammlung. Auf der Projektwebsite von »Smart Tools for Smart Design«, www.ST4SD.de, sind die Ergebnisse für alle zugänglich gemacht.

 

Linda Weisheit: Demonstratoren sind wichtig für Gestalter, damit sie einen haptischen Eindruck erhalten. Jedoch gestaltet sich dies teilweise schwierig – etwa bei DEA, wo eine hohe Spannung angelegt werden muss, damit sie funktionieren. Hier haben wir gemeinsam mit dem Fraunhofer IAP nach einer gefahrlosen Lösung gesucht. Aber ich möchte noch auf den »menschlichen Faktor« eingehen: Ein Ergebnis des Projektes ist nämlich auch, dass wir nun Gestalter im Netzwerk haben, die schon mit den neuen Werkstoffen vertraut sind – humane Datenbanken sozusagen.

 

merlin: Wir danken Ihnen für das Gespräch.