Hans-Jörg und Hans-Tobias Schicktanz inspizieren ein produziertes Mundstück für Beatmungsgeräte

HAUSBESUCH

 

Eigentlich passt es gerade nicht. Eine neue Produktionshalle soll gebaut werden, und heute findet die Erkundungsbohrung statt. Bis dort hinten, wo der alte Apfelbaum steht, wird das Gebäude reichen. Hans-Tobias Schicktanz zeigt über die verschneite Wiese. Einige hundert Meter weiter verläuft die tschechische Grenze. Aber es sind ja immer mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Also dann: Smart Materials.

 

Zwischen den Kunststoff-Spritzgießmaschinen taucht Jörg Schicktanz auf, der Vater. Er kommt aus der Produktionssitzung. Nun ist klar, welches Produkt morgen auf welcher Maschine laufen soll. Bei der Schicktanz GmbH Sohland / Spree entstehen die Gehäuseschalen von Funksendern, also: Zündschlüsseln, vieler Automarken, Baby-Beruhigungssauger, Bauteile für medizinische Geräte. Es sind High-Tech-Produkte, Spritzguss aus mehreren Komponenten. Das kann nicht jeder. Man muss bereits an ihrer Konstruktion mitarbeiten, damit sie gelingen, die Formwerkzeuge selber bauen und auch die Baugruppenmontage mit anbieten. Eine lange Entwicklung hat die Firma Schicktanz genommen, von jener Wäscheknopffabrik, als die sie vor 120 Jahren gegründet wurde, bis zum innovativen Kunststoffverarbeiter. Seit 1990 ist sie wieder in Familienbesitz.

 

Wenn man permanent versucht, das Kunststoffspritzgießen an neue technologische Grenzen zu führen, dann liegt der Gedanke, es mit Smart Materials zu probieren, nahe. Aber natürlich bedurfte es eines konkreten Anstoßes. Hans-Tobias Schicktanz hat Industriedesign an der BURG studiert, dann am Fraunhofer IWU gearbeitet. Das war er, der Anstoß.

Schicktanz-Mitarbeiter bedient Produktionsanlage
Eigener Werkzeugbau ist ein technologisches Muss: letzte Handgriffe an einem neuen Spritzgusswerkzeug

Drei Mitarbeiter sind zu einem Drittel ihrer Arbeitszeit damit beschäftigt, FGL-Draht und Piezobauteile so in Kunststoffteile zu integrieren, dass Struktur und Funktion optimal miteinander verschmelzen. Die Drähte dürfen beim Spritzgießen nicht thermisch beschädigt werden, und die intelligente elektrische Kontaktierung ist auch noch eine Herausforderung.

 

Man hat feste Ziele. Am Ende der Projektlaufzeit von smart³ sollen funktionstüchtige Prototypen verschiedener Produkte stehen. Eines ist SmartFrame+, der sensorierte intelligente Fahrradrahmen. Ein anderes ist Cumulino, ein Säuglingskopfkissen mit eingebauter Bewegungsautomatik. Die Mitarbeit im Konsortium bedeutet Schicktanz viel. Smart Materials sind jene Art Innovationsschub, die dem Unternehmen für die eigene Zukunft willkommen ist. Wenn die Werkstoffe Einzug in die Praxis halten, dann will Schicktanz ganz vorn mitmachen. Wer weiß, vielleicht wird Cumulino ein Serienprodukt des Hauses?

 

Ist smart³ abgeschlossen, dann geht es erst richtig los, sagt Jörg Schicktanz. Das Projekt hat uns in ein einzigartiges Netzwerk eingebunden. Da gibt es mehr als nur gemeinsame Interessen. Richtige Freundschaften sind entstanden: zu anderen Unternehmern, zu Industriedesignern und Forschern. Es sei zwingend, bei Innovation über den Tellerrand zu schauen. Das Netzwerk wird halten, auch ohne staatliche Förderung, und so war es ja wohl gemeint.

Lagerungskissen Cumulino
Ein Säuglingskopfkissen mit Bewegungsautomatik, basierend auf FGL, zählt zu den smart³-Produkten von Schicktanz