10.06.2021

Von Metaxy und Serendipität

Können glückliche Zufälle provoziert werden? Und was genau passiert im Spannungsfeld zwischen Kunst, Design und Hochtechnologie? Diesen Fragen nach Serendipität, also dem glücklichen Zufall, und Metaxy, dem „Dazwischen“ als sinnliche Wahrnehmung, widmeten sich Künstler und Designer im „Labor der Sinne“. Für diesen durch den Chemnitzer Klub Solitaer e.V. ausgerichteten Workshop öffnete smart³ im März die Werkzeugkiste interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Seit 2010 trägt der Klub Solitaer e.V. durch zahlreiche künstlerische und kulturelle Aktivitäten zur positiven kulturellen Entwicklung Chemnitz‘ bei. Eines dieser Projekte ist die Funken Akademie, bei der Künstler*innen mit Hochtechnologieinstituten und Forschungseinrichtungen zusammenkommen, um im Spannungsfeld zwischen Kunst und Technologie zu experimentieren. In diesem Rahmen setzten sich im März 2021 Studierende und Post-Graduates im Workshop „Labor der Sinne“ unter der Leitung der Künstlerin Christiane Wittig und in Kollaboration mit smart³-Partner Fraunhofer IWU theoretisch, philosophisch und praktisch mit den Möglichkeiten von Funktionswerkstoffen auseinander. Dazu verknüpften die Teilnehmer*innen smart materials und Augmented Reality mit künstlerischen Konzepten, erforschten mögliche Schnittstellen und verwirklichten praktische Demonstratoren. Ziel war die Erstellung sogenannter „Sinnobjekte“, die in Verbindung mit Technik und Technologie neue Wahrnehmungen hervorrufen und zu einem besseren Verständnis der eingesetzten Materialien beitragen können. Insbesondere smart materials, deren Funktion versteckt in der Struktur liegt und die scheinbar versteckt auf Mikroebene arbeiten, benötigen diese Übersetzung um für ihre Anwendung und ihren Einsatz akzeptiert zu werden.

Werkzeug 1: Workshop mit Gestaltungsstrategie

Im Workshop wurden die Teilnehmern zunächst mit einer Substitutionsaufgabe konfrontiert. Dazu sollten bereits existierende motorische Aufgaben durch eine aktorisch wirkende Struktur auf Basis von Formgedächtnislegierungen (FGL) ersetzt werden. Ziel ist das Kennenlernen des intelligenten Werkstoffs und eine anwendungsbezogene Auseinandersetzung in Richtung der gestalterischen Potentiale und Herausforderungen von FGLs. Konkret sind Antworten auf die Fragen gesucht: Wie verändert sich die Substitutionsanwendung in ihrer (formalen, funktionalen) Gestalt aufgrund der Komplexitätsverschiebung von der Makro- zur Mikroebene? Welche Auswirkung hat der Verlust ästhetischer Materialqualität zugunsten reiner Funktionalität auf den Gebrauch von Produkten? Wie kann oder muss die Gestaltung auf den Einsatz dieses smart materials reagieren? Der substituive Ansatz hilft eine intensive Auseinandersetzung mit dem Material ohne zeitaufwändige Ideenfindungsphase zu gewährleisten ohne auf gestalterische Arbeit zu verzichten.

Werkzeug 2: Technologiebausteine

Zur Verdeutlichung der Potenziale der Materialien wurden die innerhalb von smart³ entwickelten Technologiebausteine eingesetzt. Diese elf Bausteine verdeutlichen jeweils spezifische Eigenschaften, Funktionen und Anwendungsmöglichkeiten der Materialien. Anhand dieser Bausteine konnten die Teilnehmer schnell und effektiv eigene Überlegungen prüfen und schließlich in eigenen Demonstratoren umsetzen.

 

Ergebnisse

Durch dieses Format konnten sich die teilnehmenden Künstler mit dem Spannungsfeld von smart materials auseinandersetzen und schufen daraus Sinnobjekte in Verbindung zwischen Technologie und Kunst, die die Eigenschaften der Materialien nutzen um sich mit der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen auseinanderzusetzen.

Games (Menfighter) Sinnesobjektprototyp

2020 Linda C. Schumann (Freie Künstlerin, lebt und arbeitet in Weimar)

Da sein, bewusst sein, real sein – bin ich und wie fühlt sich das an? Das Spektrum der Sinne ist nicht nur ein Trichter, das Impulse aus der Umwelt aufnimmt, sondern versorgt den Körper in seiner Bidirektionalität mit der Erkenntnis des physischen Seins. Ich sehe mich, ich rieche mich, ich spüre mich – ich bin da. Körperwahrnehmung und das Gespür für sich selbst sind essenzielle Bestandteile leiblicher Präsens und somit des eigenen Selbstverständnisses. Von einem milden Aufrichten bis hin zu aggressiver, aufplusternder Raumbeanspruchung lässt sich die Anwesenheit anderer Individuen spüren. Ihre Wärme, ihre Farben, ihre Geräusche, ihre Bewegungen. Die atmosphärische Präsenz des anderen, ist die Anwesenheit aller sinnlichen Wahrnehmungen eines Körpers.

Material:

  • Thermische Formgedächstnislegierung
  • Arduino
  • Motion Sensor
  • PVC

Gänsehaut

Rico Denninger, Holzgestalter

Eine kurze Berührung oder ein plötzliches Erschrecken kann bei uns eine spontane und unerwartete Gänsehaut als Ausdruck unserer Gefühlslage auslösen. Wir haben wenig Möglichkeiten dies zu kontrollieren und sind dieser Reaktion unseres Körpers ausgeliefert. In einer Zeit, in welcher wir immer mehr Dinge zu kontrollieren und steuern gelernt haben, wird es immer seltener, dass wir etwas so Unerwartetes akzeptieren müssen. Die Interaktion mit Maschinen erscheint meist als ein gefühlloses Erteilen von Befehlen. Wir leben in einer Zeit, in der diese Maschinen immer schneller lernen und vermenschlicht werden. Wir reden mit ihnen – interagieren. Sind wir bald nicht mehr die einigen die eine Gänsehaut bekommen können?