HAUSBESUCH

Ziel des Forschungsprojektes »smart materials satellites« ist der Wissenschaftstransfer durch die Methoden der Naturwissenschaften, des Designs und der Kunst. Disziplinen aufzubrechen ist auch ein zentrales Thema des historischen Bauhauses, welches ungebrochen seit nunmehr einhundert Jahren als eine der herausragendsten Versuchsstätten gestalterischer Bildung gilt.

merlin sprach mit der Direktorin Dr. Claudia Perren über die Bedeutung von Transdisziplinarität und wie Kunst und Design als Übersetzungsmethode zur Wissenschaft genutzt werden können.

Weshalb stellt transdisziplinäre Forschung ein Kernthema am historischen und aktuellen Bauhaus dar?

Als kritische Antwort auf die Industrialisierung des frühen 20. Jahrhunderts zielten die Visionen der Bauhäusler darauf ab, maschinenbasierte Fertigungstechniken durch die Verbindung mit Gestaltungsmethoden und Arbeitsweisen des Handwerks näher an menschliche Bedürfnisse zu bringen. Durch die Zusammenführung der Disziplinen wurde eine Annäherung zwischen Mensch und Maschine angestrebt. Die Digitalisierung und Anwendungen neuer Materialien werfen heute ähnliche Fragestellungen auf. Damit ist der transdisziplinäre Gedanke des Bauhauses so aktuell wie vor einhundert Jahren und der Austausch zwischen den Disziplinen dringend notwendig.

"Man muss smart materials auf den Prüfstand anderer Disziplinen stellen, um sie weiterzuentwickeln und alltagstauglich zu machen."

Aus welchen Gründen eignen sich Kunst- und Designmethoden als Vermittlungsstrategien für den Wissenstransfer zwischen der Wissenschaft und der breiten Öffentlichkeit?

Wir können uns von den Fragestellungen und Methoden des Bauhauses, wie dem Werkstatt-Prinzip learning by doing, für transdisziplinäre Materialvermittlung inspirieren lassen. Allgemein tragen Kunst- und Designmethoden bereits eine gewisse Transferleistung in sich. Da es sich zum Beispiel um assoziative, kritisch reflektierende oder kommunikative Methoden handelt, können durch die Sprachen der Gestaltung Übersetzungsleistungen vollbracht werden. Man muss smart materials auf den Prüfstand anderer Disziplinen stellen, um sie weiterzuentwickeln und alltagstauglich zu machen. Dieser Austausch kann neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen und Erkenntnisgewinn generieren. Zusätzlich erhält man durch die Verwendung fachfremder Methoden einen anderen Blick auf die eigene Forschung, der neue Ansätze ermöglicht. In einer Zeit, in der sich die einzelnen Wissenschaften immer mehr spezialisieren, ist es relevant, in der Kommunikation die Komplexität herunterzubrechen, um Verständnis für das Unbekannte zu erzeugen.

Ein Satellit des Forschungsprojektes ist das Residenz-programm »SYN Award – smart materials satellites«, in Kooperation mit der SYN Stiftung. Für drei Monate experimentieren ausgewählte Künstler mit Formgedächtnislegierungen. Welche Potenziale besitzt die künstlerische Arbeit mit smart materials?

Wagehe Raufi und Marit Wolters haben im Rahmen des Forschungsprojektes »smart materials satellites« eine Bauhaus Residenz in den Meisterhäusern in Dessau gewonnen und arbeiteten von Juni bis August 2017 eng mit der Stiftung zusammen. Beide Künstlerinnen wurden ausgewählt, da in ihren Arbeiten Experimente mit Materialien eine zentrale Rolle spielen. Materialentwicklung und deren Anwendung voranzutreiben ist disziplinunabhängig. Künstler und Designer werden heute zu Alchemisten und entwickeln wie Materialforscher neue Substanzen. Interessant war im Zusammenhang mit den Forschungsfragen zu smart materials, die künstlerischen Prozesse und kritischen Fragestellungen den Arbeitsweisen der Materialwissenschaften gegenüberzustellen. Durch die künstlerische Forschung entstanden Materialexperimente, die in den technologiebasierten Wissenschaften heute so nicht möglich wären.

Im Rahmen von »smart materials satellites« fand bereits die Ausstellung »Material als Experiment« im Stahlhaus in Dessau-Törten statt. Warum wurde dieses Haus als Ausstellungsort gewählt?

Das Stahlhaus ist ein Gemeinschaftsentwurf vom Maler Georg Muche und dem damaligen Bauhausstudenten Richard Paulick und eignete sich in vielerlei Hinsicht als Ausstellungsort für das Projekt. Es war ein Materialexperiment und wurde ursprünglich als „wachsendes Haus“ erdacht. Wie in allen Bereichen der Gestaltung in den 1920er Jahren wurde auch in der Architektur mit neuen Materialien experimentiert. Thematisch gibt es also klare Überschneidungen mit der Ausstellung, die ebenfalls über den Zeitraum durch den Wissenstransfer mit den Besuchern gewachsen ist.

 

Die Fragen stellte Mandy Einicke.
Foto: Sascha Linke