HAUSBESUCH

Die Forschungsabteilung »DXM – Design und Experimentelle Materialforschung« des Fachgebietes Textil- und Flächendesign an der Weißensee Kunsthochschule Berlin verbindet Materialentwicklung und Gestaltung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen.

Verschiedene Materialproben liegen ausgebreitet auf dem Tisch, in konzentrierter Feinarbeit werden um dünne Holzstreifen Textilflächen aus Baumwolle gewebt. Hier, in einer der Forschungswerkstätten des Fachgebietes Textil- und Flächendesign erarbeitet Nelli Singer ein Konzept, das Materialinnovation mit gestalterischem Experimentieren verbindet: Im Rahmen des Masterprojektes untersucht sie, wie sich textile Konstruktionen unter Einfluss von Feuchtigkeit verändern.

 

„Die Erkenntnisse ihrer Forschungsarbeit könnten beispielsweise als nachhaltige Lösung für Klimafassaden an Gebäuden weiterentwickelt werden, wodurch die Natur in die Architektur einbezogen wird“, erzählt Christiane Sauer, Leiterin des Forschungsschwerpunktes »Aktive Materialien und funktionale Flächen im räumlichen Kontext«.

»Die Gebrauchsanweisung ändern«

Viele Materialien besitzen Eigenschaften, deren Anwendungspotenziale uns noch unbekannt sind. Diese zu erforschen und in Verbindung mit Textil zu setzen, ändert die Gebrauchsanweisung der Materialien, ergänzt Christiane Sauer. Zukünftig können so intelligente Lösungen entwickelt werden, die beispielsweise den Herausforderungen des Klimawandels gerecht werden.

In der Forschungsabteilung »DXM – Design und Experimentelle Materialforschung« experimentiert die künstlerische Mitarbeiterin Paula van Brummelen schon lange mit Formgedächtnislegierungen (FGL). Sie erprobt im Rahmen des FuE-Projekts »SOUNDADAPT«, wie Raumoberflächen ihre schallabsorbierenden Eigenschaften durch FGL-Integration auf die gewünschten akustischen Anforderungen einstellen können. Die Eigenschaften der FGL werden auch im Verbundprojekt »Adaptex« genutzt, bei dem die Entwicklung eines textilen Sonnenschutzes für intelligent-adaptive Fassaden fokussiert wird.

 

Was kann die Technologie?

Dieses Wissen aus der praxisorientierten Forschung wird an andere Studierende weitergegeben. Zum Beispiel im »eLab«, die experimentelle, fachgebietsübergreifende Forschungsplattform, wo der gestalterische und künstlerische Diskurs zur Rolle und den Möglichkeiten der Medien- und Informationstechnologien sowie Physical Computing ergründet wird.

Denn nicht nur Architektur und Umwelt müssen gemeinsam betrachtet werden, auch digitale Technologien und Nachhaltigkeit ermöglichen wechselseitige Synergien. Diese zu erproben, im Kontext zukunftsweisender und praxisorientierter Designforschung mit besonderem Fokus auf Textil und Materialinnovation, ist ein Ziel des Forschungsschwerpunktes »Soft Technologies«, geleitet von Zane Berzina. Handwerk wird mit digitalen Technologien verschmolzen, die Felder von Computer-Mensch-Interaktion und Ubiquitärem Computing in Bezug zu E-Textil-Praktiken werden erkundet oder Materialien und Oberflächen mithilfe biotechnologischer Methoden gezüchtet. Zu Beginn dieser Forschungsaktivitäten steht seltener die konkrete Produktidee, sondern primär das Hinterfragen, praktische Experimentieren, Reflektieren und Verknüpfen der Materialien. „Wir müssen die funktionalen sowie die senso-ästhetischen Potenziale und die Grenzen der neuen und oft sehr komplexen Materialien zuerst verstehen und dann manipulieren lernen. Erst danach können innovative Produkte für Menschen, beispielsweise in den Bereichen Interieur, Mode, Medizin oder Sport, entwickelt werden“, erläutert Zane Berzina.

Eine Vielzahl an interdisziplinären Kooperationen schafft die Grundlage für die experimentelle Forschung und ermöglicht so die Koexistenz von Designforschung und Praxis. Deshalb arbeitet die Forschungsabteilung mit führenden Institutionen aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Neben »Adaptex« und »SOUNDADAPT« beweisen die ebenfalls in Zusammenarbeit mit smart³ realisierten Projekte wie »smart materials satellites« oder »smart tools for smart design«, wie das Zusammenwirken von Wissenschaftlern und Designern gelingt und zusätzlich die Reichweite der intelligenten Materialien erweitert. Eine solche Forschungsarbeit ist an Kunsthochschulen nicht selbstverständlich, doch umso drängender. Denn nicht nur Designer stellen sich der Frage: Welche Materialien wollen wir zukünftig verwenden?

Text: Mandy Einicke
Foto: Sascha Linke

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