In zwei Projekten erarbeiteten fünf Projektpartner smarte Wege, um neue Produkte im piezokeramischen Technologiefeld hervorzubringen.

In den Projekten »Smart Transfer« und »Smart Co-Creation« wurde nach wirksamen Formaten gesucht, die wie ein Katalysator geeignet sind, aus der Vielfalt der notwendig zu beteiligenden Akteure neue Produkte und damit Marktpotenziale und Wachstumschancen für piezokeramische Werkstoffe zu generieren. Hintergrund ist, dass Piezokeramiken zwar Schlüsselfunktionen in den entsprechenden Hightech-Anwendungen erfüllen, dabei jedoch nur Mikroteile komplexer Endprodukte sind. Die Entwicklung, Herstellung und Vermarktung dieser Produkte, und demnach auch Produktinnovationen, erfolgen somit in den meisten Fällen in einer arbeitsteiligen Struktur vieler spezialisierter klein- und mittelständischer Unternehmen. In mehrstufigen und komplex vernetzten Wertschöpfungsketten – vom Pulver über Bauelemente zu Systemen – ist eine sehr hohe Produktvielfalt in den verschiedensten Branchen möglich: im Maschinen- und Fahrzeugbau ebenso wie in der Medizin und Consumer-Elektronik.

Der Projektansatz

Für das piezokeramische Technologiefeld haben die Projektteams drei Herausforderungen herausgearbeitet:

1. die schier unendliche Vielfalt piezokeramischer Technologievarianten sowie des Marktes für piezokeramische Lösungen und die damit verbundene Vielfalt relevanter Akteure,
2. die aus dieser Interdisziplinarität entstehenden Risiken und Einstiegshürden für Systemlösungen und neue Anwendungen und
3. die Notwendigkeit, anstelle von zentral organisierten Governance-Strukturen, die Kooperation von Leistungsanbietern und -nehmern in Eigenregie von Zweckbündnissen zu entwickeln.

Während im smart3-Basisprojekt »Smart Transfer« die Angebotsseite piezokeramischer Firmen als eine Technologie-Push-Strategie in den Blick genommen wurde, stellte das Folgeprojekt »Smart Co-Creation« die Nachfrageseite als Technologie-Pull-Strategie in den Fokus. Damit einher gingen Bemühungen um eine horizontale wie vertikale Vernetzung in digitaler wie analoger Form.
Mit den beiden Projekten wurde ein erster Versuch realisiert, die aus Anbietern und Kunden bestehende „Innovationsökologie“ einem systematischen digitalen wie analogen Erschließungsprozess zu unterziehen und so das vorhandene technologische Potenzial mit Blick auf den Markterfolg besser auszuschöpfen.

Die Projektergebnisse

Ein wichtiges Arbeitsergebnis des Projektes »Smart Transfer« ist ein digitaler Kompetenzatlas zwischen Leistungsanbietern und -nehmern. Als webbasierte digitale Informationsschnittstelle werden in ihm die bislang schwer überschaubaren technologischen und produktionsbezogenen Kompetenzen der piezokeramischen Leistungsanbieter systematisch erfasst und nutzerfreundlich dargestellt. Potenzielle Kunden können die Online-Plattform aufrufen und direkt Projekte mit den Leistungsanbietern initiieren. Zum ersten Mal wird damit das Potenzial im piezokeramischen Technologiefeld vor allem für Außenstehende aufgezeigt. Damit steigen die Chancen für vernetzte Innovationsvorhaben und Produktentwicklungen.
Ziel im Projekt »Smart Co-Creation« war es, vielversprechende neue Anwendungsfelder und Zielmärkte für die Piezotechnologie zu identifizieren, im Hinblick auf konkret umsetzbare und vor allem marktrelevante Produktinnovationen zu explorieren und dafür ein wirksames Format zu entwickeln.

 

 

Im Ergebnis wurde für den schwer zu überschauenden, schwierig planbaren und komplex zu vernetzenden Produktentwicklungsprozess eine dreiteilige Workshopreihe entwickelt und umgesetzt. Jeder der drei aufeinander aufbauenden, eintägigen Workshops war dabei in ungewöhnlich aufwendige Vor- und Nachbereitungsphasen eingebettet, in denen Expertenwissen gezielt eingeholt, Ergebnisse aufbereitet und integriert und für die nächste Workshoprunde unter intensiver Beteiligung der Teilnehmer proaktiv zugespitzt wurden.

An den beiden exemplarisch durchgeführten Reihen zu den Themen „Smarte Implantate“ und „Überwachung großer Infrastrukturbauwerke“ nahmen jeweils ca. 40 Partner aus Industrie, Forschungsinstituten und Verwaltung teil. Unter Prozessbegleitung arbeiteten sie auf Basis eines vom Design Thinking inspirierten Vorgehens in wechselnden Teamkonstellationen co-creativ zusammen. Im Ergebnis entstanden ein Produktentwicklungskonzept für eine aktive Zahnschiene und eine Absichtserklärung für einen BMBF-Förderprojektantrag zum Thema „Beschleunigtes Einwachsen von Zahnimplantaten“. Zudem besteht die Perspektive der Gründung einer produktentwickelnden und verwertenden Firma. Außerdem wollen die Workshopteilnehmer ein Industrieprojekt zur Idee eines digitalen Zwillings in der Herstellung und Überwachung von Stahlkonstruktionen auf den Weg bringen.

Nachhaltige Einsichten

Beide Projekte haben gezeigt, dass mit geeigneten, gut durchdachten und in der Umsetzung sachkundig begleiteten Formaten unübersichtliche Felder sinnvoll vorstrukturiert werden können. In relativ kurzer Zeit konnten so wertvolle, sehr konkrete Produktideen entwickelt und Impulse für neue Projekte gesetzt werden. Wichtig dabei war, von Anfang an alle relevanten Akteure, insbesondere (End-)Kunden, gezielt einzubeziehen und auf Basis ihrer Eigenmotivation zur Selbstorganisation zu mobilisieren.
Während die Entwicklung des piezokeramischen Technologiefeldes und die über »Smart Co-Creation« angestoßenen Produktentwicklungsprozesse work-in-progress sind, zeigen die in den beiden smart3-Projekten entwickelten Formate beispielhaft und hoffentlich mit inspirierendem Nachhall, wie Innovationen systematisch angestoßen und spürbar beschleunigt werden können. Eine vielversprechende Format-Weiterentwicklung wäre aus Sicht der Projektpartner ein digital-analog verschmolzener Innovationsraum.
Sind diese systematisch organisierten vielen kleinen Schritte mit vielen kleinen und mittelgroßen Akteuren ein neuer Weg zur Nachhaltigkeit bei der Anbahnung von Projekten in komplexen Innovationsökologien?

 

Text: Dr. Andreas Schönecker, Fraunhofer IKTS, Dresden
Dipl.-Psych. Claudia Walther, M.A., Freie Universität Berlin, Lehrstuhl für Unternehmenskooperation (Prof. Dr. Jörg Sydow) mit Beteiligung des Lehrstuhls für Organisation und Führung (Prof. Dr. Dr. h.c. Georg Schreyögg)
Foto: Sascha Linke, Andreas Schönecker, Claudia Walther

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