HAUSBESUCH

Bei der Gründung 1919 war Ottobock in erster Linie auf die Serienfertigung von Prothesen-Passteilen für die Versorgung von Kriegsversehrten ausgerichtet. Heute steht das Familienunternehmen in mittlerweile vierter Generation als wichtiges Netzwerkmitglied von smart3 auch für Hightech-Fertigungstechnologien, digitale Versorgungsprozesse, smarte Sensorik und den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI).

Im Hauptsitz in Duderstadt fallen einem sofort die zahlreichen lebensgroßen Figuren ins Auge, an denen im lichtdurchfluteten Showroom das umfangreiche orthopädietechnisches Sortiment des Unternehmens auf moderne Weise präsentiert wird.
„Wir sind sozusagen das Amazon der Orthopädietechnik“, veranschaulicht Jonas Bornmann die Rolle des Unternehmens als Weltmarktführer – Ottobock ist der Inbegriff für Prothesen, Orthesen, Rollstühle und Exoskelette. Dabei wird die Versorgung der Patienten ganzheitlich gesehen. „Wir sind kein reiner Komponentenlieferant, wir bieten das Rundumpaket.“ Von der ersten Untersuchung über die Fertigung bis hin zur Rehabilitation werden die Patienten begleitet.

Wearable Human Bionics

Mit den ersten mikroprozessorgesteuerten Beinprothesen wie dem C-Leg oder der computergesteuerten Beinorthese C-Brace hat Ottobock tragbare menschliche Bionik entwickelt, die es Menschen ermöglicht, wieder gehen zu können. „Wir versuchen über den Sensor so tief wie möglich in die Mechanik reinzuschauen“, erklärt Maximilian Segl. Die eingebaute Sensorik kontrolliert während des Laufens permanent die Stand- und Schwungphase, die Prothesen und Orthesen können somit intelligent auf unterschiedlichste Situationen und Untergründe reagieren, wodurch ein nahezu natürliches Gangbild ermöglicht wird.
Sensoren können in der Produktentwicklung dazu dienen, Bauteilbelastungen zu erfassen. Die Sicherheit und Funktion der Produkte stehen an erster Stelle. Orthesen und Prothesen durchlaufen einen umfangreichen Verifizierungs- und Validierungsprozess. „Die Anforderungen an das jeweilige Produkt müssen klar sein. Ein Medizinprodukt muss zahlreiche Prüfungen durchlaufen, bevor es marktreif ist“, erklärt Lucien Opitz.

In Deutschland werden jährlich über 200.000 Schlaganfälle registriert, 80 % der Betroffenen leiden langfristig an Bewegungseinschränkungen. Mit der »WalkOn Trimable« verhilft Ottobock den Schlaganfallpatienten mit einer Fußhebeschwäche, dem sogenannten Drop Foot, zu einem nahezu physiologischen Gang. Die dynamische Unterschenkelorthese stabilisiert das Knöchelgelenk und unterstützt die Bewegung des Fußes zu Beginn der Schwungphase. Der Unterstützungsgrad ist dabei jeweils abhängig vom muskulären Status des Trägers.
Die Orthesen der WalkOn-Familie werden im Rahmen des smart3-Projekts »FGLSensOPro« untersucht und sollen zukünftig von der Sensortechnologie profitieren. Der Einsatz von Formgedächtnislegierungen bietet sich hier insbesondere aufgrund der hohen Elastizität und Belastbarkeit des smart materials an. Grundsätzlich könnte diese vielseitige Sensorik aber für alle Produkte interessant sein, die Kohlenfaserverstärkte Kunststoffe (CFK) enthalten.

 

 

Digitalisierung der Orthopädietechnik

„Jeder Amputationsstumpf ist individuell“, erklärt Jonas Bornmann. Mit der individuellen Fabrikation »iFab« hat Ottobock den gesamten Versorgungs- und Fertigungsprozess digitali-siert und ermöglicht somit bereits eine maßgeschneiderte Produktion von Orthesen und Prothesenteilen. Anstelle der Anfertigung eines Gipsabdrucks wird der Amputationsstumpf oder die Gliedmaße 3D-gescannt, die ermittelten Daten werden am Computer verarbeitet, simuliert und teilweise an den 3D-Drucker weitergeleitet. Diese Transformation hin zu einer gipsfreien Werkstatt macht die Fertigung präziser und es wird der bestmögliche Tragekomfort für den Patienten erreicht.

Künstliche Intelligenz

Mit der einzigartigen Myo Plus Mustererkennung hat Ottobock das Leben nach einer Amputation revolutioniert und zeigt, was mit KI im Bereich der Prothetik möglich ist. Sensoren im Unterarm-Stumpf erfassen elektrische Potenziale aus Muskel-aktivitäten, die wiederum die entsprechende Bewegung der Prothese initiiert. „Die Sensorik erkennt sozusagen, was der Nutzerwunsch ist“, erklärt Jonas Bornmann. Die Prothese „lernt“ über eine Mustererkennung Bewegungsabläufe und kann somit Bewegungen intuitiv und nicht mehr nur sequenziell ausführen. Über die Myo Plus App als Schnittstelle zwischen Anwender und Steuerung kann die Mustererkennung zudem individuell konfiguriert werden. In Kombination mit der multiartikulierenden Prothesenhand bebionic sind natürlichste Bewegungen möglich.

 

 

Exoskelette: Entlastung für gesünderes Arbeiten

Ottobock unterstützt Menschen nicht nur dabei, wieder mobil zu werden, sondern sieht auch einen wichtigen Aspekt in der Prävention. Muskelskeletterkrankungen verursachen jährlich ca. 33 Milliarden Euro Kosten in Deutschland. Mit den Exoskeletten der Reihe Paexo wurde ein Assistenzsystem entwickelt, das unterstützend auf bestimmte Bewegungsabläufe wirkt und es Menschen somit ermöglicht, schonend und gesundheitsbewusst ihre Arbeit auszuführen.
Jonas Bornmann führt uns durch die „Experience World“, einem Ort, an dem man die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten der Produktreihe am eigenen Körper testen kann.
Das Paexo Shoulder ist eine Stützstruktur basierend auf einer mechanischen Seilzugtechnik, die bei anstrengenden Überkopfarbeiten entlastet. Bei Arbeiten mit erhobenen Armen werden Muskeln und Gelenke im Schulterbereich spürbar geschont. Ob in der Produktion von VW in Wolfsburg, bei der Olivenernte in Griechenland, beim Käsewenden in der Schweiz, bei Filmproduktionen oder den Marionettenspielern der Augsburger Puppenkiste – das Paexo Shoulder fand bereits in den unterschiedlichsten Bereichen Anwendung.
Auch für die Unterstützung von Hebebewegungen hat Ottobock eine Lösung entwickelt: Das Paexo Back gewährleistet eine deutliche Entlastung des unteren Rückens von bis zu 25 kg und sorgt somit zukünftig für mehr Ergonomie an Arbeitsplätzen in der Logistik, in Warenlagern und Paketverteilzentren.
Jetzt gilt es, die Paexo Reihe weiter zu etablieren. „In erster Linie müssen wir das Verständnis der Menschen für das Produkt schaffen“, erklärt Jonas Bornmann. Durchschnittlich 25 % weniger Arbeits-Ausfalltage bei den Anwendern sprechen da auf jeden Fall für sich.

„Forschungsarbeit ist keine One-Man-Show“...

… erläutert Jonas Bornmann eine wichtige Firmenphilosophie.
„Outside-in“ bedeutet bei Ottobock, Impulse aufzunehmen, wegweisende Technologien und Ideen für neue Produkte und Services zusammen mit externen Partnern zu entwickeln.
So engagiert sich das Unternehmen bewusst in innovativen Netzwerken wie smart³ und arbeitet mit Universitäten und Institutionen aus der ganzen Welt zusammen. Auch bei Ottobock wird der smart³-Aspekt der Interdisziplinarität gelebt. So wird oftmals in fachgebietsübergreifenden Projektteams gearbeitet und es werden bewusst Strukturen aufgebrochen, um auch zukünftig mit innovativen Neuerungen Lebensqualität zu schaffen.

 

 

Text: Johanna Bratke
Foto: Sascha Linke

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