Wir haben uns anlässlich des Auslaufens des Zwanzig20-Förderzeitraums in einem Video-Call mit Hans-Peter Hiepe vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und smart3-Mitinitiator Holger Kunze getroffen und in lockerer Atmosphäre über Förderprogramme, Netzwerkarbeit und Transformationsprozesse ausgetauscht.

 

 

 

Herr Hiepe, Sie haben mal gesagt, Zwanzig20 ist „das erste Programm, in dem man persönliche Träume verwirklichen kann“, wie genau war das gemeint?

Hans-Peter Hiepe
Wissenschaftler fühlen sich in ihrer Disziplin oft durch die fachliche Fokussierung eingeengt. Die Kehrseite der hoch spezialisierten Expertise ist der Wunsch nach mehr Freiheit in der Forschung. Mit dem Programm wollten wir die Möglichkeit und vor allem den Anreiz geben, gewissermaßen die großen Träume zu verwirklichen, indem man aus dem Konjunktiv, aus dem „…man müsste, wenn man könnte…“ heraustritt und die Chance bekommt, etwas zu machen, was die Forschungsförderung üblicherweise nicht bietet.
Innovationen entstehen häufig an den Grenzen der Disziplinen, der Technologien, Branchen und Märkte. Die Grenzen radikal zu überschreiten, also den evolutionären Innovationsprozess zu verlassen, ist mit hohem Risiko verbunden. Die Gewissheiten in Frage stellen, die Dinge und Zusammenhänge neu denken braucht daher Mut. Einen Mut, der die unternehmerische Existenz genauso berührt wie die wissenschaftliche Karriere.
Zu den Konditionen des Programms Zwanzig20 gehörte es, sich in einem offenen Innovationsprozess auf neue Forschungs- und Entwicklungspartner einzulassen, von deren Existenz und Bedeutung man auf der Grundlage der bisherigen Innovationsroutinen bis eben noch nichts wusste. Ein solcher Prozess gelingt nicht ohne solide Strategie und neue Methoden einer modernen Vernetzung und kreativen Zusammenarbeit. Dies wird oft unterschätzt, weil die innovativen Durchbrüche nicht selten im Gewand des Zufalls daherkommen. Deshalb habe ich oft von der scheinbar widersprüchlichen Herausforderung gesprochen, planvoll zum Zufall zu kommen.

Jetzt gab es bei einem so revolutionär offenen Ansatz sicherlich eine Vielzahl an Bewerbern. Zum Schluss wurden 10 Konzepte ausgewählt. Was hat die Jury, aber auch Sie am smart3-Antrag überzeugt?

Hans-Peter Hiepe
Zwanzig20 hat ja bewusst auf inhaltliche Vorgaben verzichtet; nicht von den Technologien, sondern von der Größe der Herausforderung sind wir ausgegangen, Probleme mit „Menschheitsdimension“ haben uns interessiert, oder etwas kleiner: von besonderer gesellschaftlicher Relevanz, was das wirtschaftliche Potenzial genauso einschließt wie das wissenschaftliche und das soziale Innovationspotenzial. Bei smart3 war es sicherlich erst einmal die Unerschöpflichkeit der Materialien und der große Horizont der Materialwissenschaft. Funktionalisierung von Oberflächen beispielsweise und materialtechnische Entwicklungen sind so ein breites Feld, bei dem man annehmen kann, dass es in der Wissenschaft und allen sonstigen technischen Entwicklungen eine riesengroße Rolle spielen wird. Entwicklungen bei smart3 können fast unbegrenzt auch mittelbar in die Produkt- und Lebenswelt hineinwirken, indem sie umweltfreundlicher, leichter, effizienter, energetisch optimierter und manchmal auch schöner sind. Aber mir war auch aufgefallen, dass smart3, im Unterschied zu den Anderen, relativ früh beispielsweise auf die Burg Giebichenstein und auf „Weißensee“ – also auf die Kreativen, die Designhochschulen – zugegangen ist. Das hat mir natürlich gefallen.

 

 

Entwicklungen bei smart3 können fast unbegrenzt auch mittelbar in die Produkt- und Lebenswelt hineinwirken, indem sie umweltfreundlicher, leichter, effizienter, energetisch optimierter und manchmal auch schöner sind.

 

Holger Kunze
Ich kann von smart3 reflektieren, dass mein Institutsleiter, Prof. Drossel, mir freie Hand gelassen und mich unterstützt hat. Als wir aus einem gemeinsamen Beratungsgespräch im Ministerium gekommen sind, wo der Grundtenor war „Ihr mit euren Materialien, das Thema ist so unsexy, das braucht ihr gar nicht erst einreichen“ hat er nicht zu mir gesagt „Widme du dich besser wieder anderen Dingen“ sondern: „Komm, du hast eine Idee im Kopf, verfolg sie weiter und suche dir die passenden Partner zusammen. Wenn Du denkst, Du brauchst Designer oder Soziologen für das Programm, dann mach das mal“. Diese große Freiheit hatten wir bei der Erstellung des Initialkonzeptes.

Wir wollen auch einen Blick in die Zukunft wagen: Jetzt heißt es für smart3, sich auch nach dem Auslaufen des Förderzeitraums zu behaupten. Können Sie aus Ihrer Erfahrung ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben?

Holger Kunze
Was ich für mich jetzt als ganz wichtig mitnehme: die glücklichen Zufälle zu provozieren, zu initiieren. Dafür haben wir im Netzwerk eine große Breite von Akteuren zusammengebracht. Wir sollten uns jetzt als Netzwerkmanagement wieder darauf fokussieren, diese Treffpunkte, diese Touchpoints unter diesen Partnern zu finden. Das Wissen steckt in den Menschen. Daran möchte ich persönlich als Netzwerkmanager arbeiten. Ich möchte einfach wieder ganz nah an unsere Mitglieder ran und mit ihnen weiterarbeiten. Weniger im Netzwerk als Konstrukt, sondern vielmehr in den geschlossenen Freundschaften – in den Kontakten untereinander steckt so viel.

Hans-Peter Hiepe
Ein Beispiel: Mit Ihren Entwicklungen im Bereich der Formgedächtnislegierungen haben Sie sich im Wortsinn einen schönen Vorteil erarbeitet. Damit können Sie Menschen zum Staunen bringen, Sie können sie unterhalten und zugleich die Technologie verstehbar machen. Das ist eine große Stärke, die Sie nutzen müssen. Ihre vielfältigen Kompetenzen, die Sie im nunmehr größten materialwissenschaftlichen Netzwerk vereinen, werden in besonderer Weise sinnlich erfahrbar. Damit kann smart3 die Nachfrage nach Problemlösungen und Kundenwünschen auf sich lenken. Keine Angst vor Überforderung! Diese Erwartungshaltung des Marktes und der Gesellschaft ist eine Quelle weiterer, heute vielleicht noch ungeahnter Entwicklungen und Innovationen. Diese Chancen muss das smart3 Projekthaus erkennen und im Netzwerk umsetzen.

Selbstbewusst vermarkten ist ja das eine. Wie stärkt man aus Ihrer Sicht langfristig die Partnerschaft von Forschung und Wirtschaft?

Hans-Peter Hiepe
Ach, das ist ein weites Feld, zu dem es viel zu sagen gäbe. Ich meine, wichtig ist, dass Wissenschaft und Wirtschaft nicht als gegensätzliche oder zumindest weit entfernte Domänen der Gesellschaft gesehen werden dürfen. Vielmehr sind sie auf vielfältige, fast organische Weise miteinan-der verbunden. Der kleinste – und wichtigste – gemeinsame Nenner ist der Mensch. Er bringt Wissen und Fertigkeiten hervor, schöpft aus ihnen Werte und ermöglicht ein menschenwürdiges Leben im Einklang mit der Natur. Innovation ist dabei der Motor. Etwas zu pathetisch? Ja, schon, aber ich bin da in guter Gesellschaft: Roman Herzog sprach im Zusammenhang der Innovationsfähigkeit von der Schicksalsfrage unseres Landes. Eine Innovationspolitik, die die Gesamtheit der natürlichen, sozialen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten versteht und gestaltet, ist daher von zentraler Bedeutung. Zwanzig20 versteht sich als ein Beitrag dazu. Auch als Anreiz, den Verlockungen der überkommenen Denkroutinen zu widerstehen.

„Wer mich kennt, der weiß, dass man mich jederzeit unterbrechen darf, sonst geht das noch Stunden so“, lacht Hiepe schließlich, nachdem wir feststellen mussten, wie die Zeit verflogen ist. Wir hätten uns auf jeden Fall noch eine ganze Weile weiter unterhalten können.

 

Das Gespräch moderierte Johanna Bratke
Foto: Sascha Linke

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